Rauschen
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Eine Fantasiefahrt im Zug
Er spürt die Räder über die Enden der Gleise
brechen. Mit leichtem Sprung wechseln sie von Metall auf Metall ohne die
Richtung zu verlieren. Und wieder ein Wechsel. Die Bewegung geht weiter.
An ihm vorbei ziehen Bilder - gehüllt ins Grau der fliehenden Nässe.
Graue Nässe, die wie eine Glocke über allem hängt. Vorbei
an Höfen, Straßen, Feldern und Wiesen, Wegen, Bergen und Tälern.
Inmitten allem Grau: ein dunkler Strom - schlingt sich mit Schnelligkeit
durch die Bilder und begleitet seinen Zug.
Seine Augen schließen sich mit den Sprüngen der Räder,
blicken manchmal geschwächt in das Grau der fliegenden Bilder. Zu
schwach sind sie, um weiter zu blicken. Wieder ein Sprung. Gleichmäßig.
Ein leichtes Rauschen tritt hinzu, das ihn hinab nimmt in den Lauf der
Räder. Er sieht ein Rad - sich drehend - immer schneller. Das Rad
- eine Scheibe - ein Fleck - Dunkelheit und Stille.
Er öffnet die lebendig gewordenen Augen. Kein Rad das springt. Nur
das Rauschen ist geblieben - ein anderes Rauschen ist es geworden. An
seinen Füßen springt ein Bach entlang. An manchen Stellen bilden
sich kleine Strudel, die das klare Wasser in weißen Schaum verwandeln.
Um ihn schweben Bienen, verbinden ihr Summen mit dem leisen Rauschen des
Baches. Sie suchen in der Wiese nach Mühe. Er kann das Gras wachsen
hören.
Ihm ist warm. Er setzt sich auf, um sich ausziehen zu können. Er
bemerkt: bereits nackt. Auf seiner Haut glitzern Tautropfen und die feinen
Härchen erstrahlen - wie im Kampf gegen die Tropfen. Er streicht
sich über die Brust. Die Haut erscheint ihm weicher, auch die Haare,
die sich leicht kräuseln. Mit seiner Hand verreibt er die leichten
Tautropfen. Sie sammeln sich - als ob sie alle zu einem Zentrum rennen.
Er beobachtet den sich bildenden See in seinem Nabel, der immer mehr zu
kribbeln beginnt. Einzelne Tropfen bleiben in den Härchen hängen
und gelangen nicht zu ihrem Ziel.
Das Rauschen des Baches lockt ihn zu sich, lädt ihn ein. Leichtfüßig
steht er auf. An seinen Füßen spürt er das Gras, auf seinem
Körper die Sonne und die Tropfen, die sich ein neues Ziel unterhalb
seines Nabels gesucht haben. Sie bleiben jedoch alle hängen - in
den Härchen, die dichter werden und zusammen mit den Tropfen in der
Sonne funkeln.
Er steigt hinab in den Bach, der tiefer ist, als er gedacht hat. Das kühle,
klare Wasser umspielt seine Knie und fährt sanft an seinen Beinen.
Als er sich hockt, um auch seiner Hüfte dieses zarte Streicheln zu
gönnen, wird ihm wärmer als zuvor, trotz dass er vom kühlen
Nass umspielt wird. Das Wasser fährt unter ihm hindurch. Berührt
seinen Hintern. Es fühlt sich so an, als ob es mit den Härchen
an dieser Stelle ganz besonders gern spielen würde. Ein Kribbeln
durchzieht seinen Hintern - er hockt sich tiefer. Dem Wasser so noch mehr
Fläche zum Spielen geben. Es rauscht vorbei an den Härchen,
streichelt sie, spielt mit ihnen. Er fühlt sich als Teil des Baches,
im Strom des sanften Streichelns.
Er genießt dieses sanfte Streicheln an seinen Körper so, dass
er sich mit den Händen nach hinten abstützt. So erblick er über
sich am Ufer einen Mann. Ebenso jung wie er, ebenso erwärmt wie er
und ebenso - nackt. Der Fremde setzt sich an den Rand und bewegt seine
Hand in den Bach. Schließlich spürt er die fremde Hand an seinem
Körper, sie streichelt ihm sanft über den Hals und über
sein Gesicht. Er schließt seine Augen und vor seinen geschlossenen
Augen spannt sich Dunkelheit...
Als er die Augen wieder öffnet, da sie sich nach dem Bild des Fremden
sehnten, ist es noch immer dunkel. Er hat den Bach jedoch verlassen und
hört wieder das Springen der Räder auf den Gleisen. Kein Wasser
umspielt ihn mehr. Aber die Hand, sie ist noch da und ertastet die Form
und Geschmeidigkeit seiner Haut.
Er sitzt zurückgelehnt in seinem Abteil, das in Dunkelheit gehüllt
ist - ein Tunnel? Schon Nacht? Die Hand! Die Hand des Fremden spürt
er, hört den Atem des Fremden, der sich beinahe parallel zu der Hand
bewegt... Nun spürt er den Atem des Fremden an seinem Hals, der sich
so warm und zärtlich anfühlt, dass er sich dem Fremden entgegendrückt.
Er sucht mit seinen Händen nun auch den Körper des Fremden -
ihn erfühlen, ihn zärtlich berühren. Im Hintergrund hört
er wieder die Sprünge auf den Gleisen und ein leises Rauschen, das
vom beginnenden Stöhnen des Fremden begleitet wird...
by Orid
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